| Das
Projekt The Politics of Geometry, das für urban interface | berlin
entwickelt wurde, besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist eine formelle
Kontaktaufnahme des Künstlers zu den Bewohnern bestimmter Orte im
Ausstellungsgebiet. Der zweite Teil ist ein Klangspaziergang entlang der
Ackerstraße, die eine von Süden nach Norden verlaufende Achse
in diesem Gebiet ist. Beide Teile sind zugänglich und dokumentiert
auf der Projektwebsite.
Der erste Teil des Projektes trägt den Titel Blind Lines und ist
eigentlich ein „Stalking-Projekt“. (Unter Stalking versteht
man das krankhafte Verfolgen von Menschen, insbesondere Medienstars.)
Blind Lines (Blinde Linien) referiert auf die Gefahr von blinden, inhumanen
Entscheidungen in der Politik. Die Verabschiedung neuer Steuergesetze,
die Platzierung einer Müllkippe, einer U-Bahnstation oder einer neuen
Autobahntrasse werden ungeachtet der menschlichen Gefühle der Betroffenen
durchgesetzt. Das Gleiche gilt für den Krieg. Eines der bekanntesten
Beispiele solcher Entscheidungen ist die Berliner Mauer, die Menschen
von ihrer Arbeitsstätte abschnitt, Familien teilte, und in einigen
Fällen den Vordereingang von Häusern verschloss. Und dies der
Geometrie zuliebe, nach der die Welt in Zukunft funktionieren sollte.
Zwar fiel die Mauer 1989, doch die Politik der Geometrie ist als Prinzip
immer noch weit verbreitet; und man kann oder sollte jederzeit damit rechnen
wie die Protagonisten in einigen von Milan Kunderas Erzählungen,
dass eben seine Nummer in der großen Lotterie der politischen Entscheidungen
gezogen wird.
Für Blind Lines sind aus einem gewöhnlichen Stadtplan fünf
Orte ausgesucht worden, die zufällig genau dort liegen, wo sich die
Linien des darüber liegenden Planrasters treffen. Diese Orte wählte
Robert aus und recherchierte die Namen ihrer Bewohner. An die Bewohner
verschickt der Künstler nun Postkarten, die sie darüber informieren
und davor warnen, dass sie – mit oder ohne ihre Zustimmung –
für ein Kunstprojekt ausgesucht wurden und dass ihre Namen damit
öffentlich sind. Natürlich waren sie das auch schon vorher,
denn Namen gehören zu den öffentlichen Aspekten unseres Lebens.
Und warten darauf, ausgewählt zu werden.
Der zweite Teil des Projektes ist ein Klangspaziergang, der in einer anderen
Weise mit Geometrie spielt. Als 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde,
stand an der Bernauer Straße die Versöhnungskirche. Den Planern,
die einen gradlinigen, geometrischen Verlauf der Mauer vorgesehen hatten,
stand die Kirche mitten im Weg. Man ging einen Kompromiss ein und baute
die Mauer in einem kleinen Bogen um die Kirche. Später war dies nicht
mehr tolerabel und die Kirche wurde zerstört: Geometrie hat ihre
Regeln, die zu befolgen sind. 1985, aus heutiger Sicht kurz vor dem Fall
der Mauer, wurde die Kirche gesprengt, die Glocken wurden vorher jedoch
demontiert und aufbewahrt. Die alten Glocken sind heute wieder an der
Stelle zu hören und bilden eine eigene zeitliche Geometrie.
Dieser zweite Teil trägt den Titel The Bells of the Church of Reconciliation(Die
Glocken der Versönungskirche). Es ist ein ca. 30-minütiger Klangspaziergang
entlang der Ackerstraße, von der Torstraße im Süden bis
hoch zur markanten Eisenbrücke im Norden der Ackerstraße, Ecke
Scheringstraße.
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